FLORIDA, FLY AND DRIVE

 

 

Wer wirft nicht einen neidischen  Blick nach links, zur ersten Klasse, wenn er das Flugzeug besteigt und mit einem freundlichen Nicken begrüsst wird. Hinlänglich breite Liegesitze, Betten fast. Ein Traum für die kom­menden langen Stunden am Himmel. Ein Traum für jene, die immer nach den günstigsten Flug-möglichkeiten Ausschau halten müssen, denen es sogar passieren kann, dass sie auf sinnlosen Umwegen, die das Reise­büro zu erwähnen vergass, von Zürich nach Rom, und von Rom zurück nach Mailand transportiert werden, bevor der Vogel endlich Kurs über den weiten Atlantik nimmt.

Doch hat, wer billig bucht, ein Recht sich zu beklagen?

„Florida Fly and Drive“, zu deutsch Flug und Mietwagen, für umgerech­net lächerliche 1075 Mark, plus 55 DM für die Verlängerungswoche. Sie haben richtig gelesen: Fünfund­fünfzig die Woche!

Da wäre man schön blöd! Irgend­wann kommt man schliesslich auch per Touristenklasse ans Ziel jedes noch so langen Fluges.

 

Die Boeing 747 der Alitalia, im Volksmund Jumbo genannt, setzte über der Stadt Sonny Crockets zur Landung an.

„Rumms“, die Fahrgestelle waren ausgefahren.

Auf der einen Seite funkelte das durch das weite, nächtliche Dunkel des Atlantischen Ozean begrenzte, gelborange Lichtermeer Miamis, und auf der anderen die mehr erahnten als im Dunkel sichtbaren, geheimnisvol­len Sümpfe der Everglades, und schon setzte der Flugkapitän die schwere Maschine sanft wie eine Feder auf den harten Beton von Miami und es eröffnete sich uns eine neue Welt namens Amerika mit all ihren unvergleichlichen Errungenschaften.

Laufen durch lange Gänge über unverwüstliche Teppiche, durch Glas und Aluminium, und dann leise rauschend mit dem hypermodernen Monorail zum nächsten Gebäude und wieder Glas und Aluminium und Teppiche, und endlich Mister USA hinter einem gläsernen Schalter, mit strengem Blick in das brave Lächeln des vor ihm Stehenden, bevor sein Stempel ein „welcome“ in den respektvoll prä­sentierten Pass hämmert.

Danach wiesen international ver­ständliche Tafeln den weiteren Weg durch das Labyrinth des Flughafens.

Symbolisierte Koffer! „Bagage claim!“

Nachdem wir erleichtert unsere Koffer ausgemacht und mit höflichem „sorry“ nach links und rechts behändigt hatten, öffneten sich die vollautomatischen Türen zu den breiten Zubringerstrassen, welche den Flughafen mit der Millionenstadt verbinden, und entliessen uns schockartig in die drückende Schwüle Miamis. Sofort begann mein Körper sein System gegen Überhitzung zu aktivieren, das man höflich ausgedrückt auch Transpiration nennt.

Die klimati­sierten Hallen des Flughafens hatten uns vergessen lassen, dass wir eben vom herbstlich kühlen Europa ins tropische Florida transferiert worden waren.

Doch der Schock war kurz und bald überwogen Begeisterung und freudi­ge Erwartung, denn das karibische Klima kitzelte die Sinne. „Amerika wir kommen!“

Angestrengt spähten wir, vom alles beherrschenden amerikanischen Massstab überwältigt, die von Tausenden von Neonlichtern beschienene Strasse hinauf und hinunter. Gleich war es viertel nach zehn. Wo blieb bloss der vom Reisebüro angekündigte Bus des Autovermie­ters?

Doch da hielt er auch schon direkt vor uns, und pickte die Wartenden auf, fädelte sich in den dunkeln Hig­hway zwischen die vorbeirauschen­den Lichter des nächtlichen Miami­verkehrs und rollte, kaum angefah­ren, auf einen von frischgewasche­nen Autos übersäten Hof, wo er mit weichen Federn vor einem modernen Bungalow in die Knie ging.

Amerikanischer Service!                             

Die Zeiger der Uhr zeigten auf halb elf. Nun hatten wir es bald geschafft. Jetzt noch den Mietwagen übernehmen und dann ab in die Federn des nächstbesten Hotels.

Aber hoppla, da machten wir doch wieder einmal mit einer weniger angenehmen amerikanischen Eigenschaft Bekanntschaft, die man ausgeprägten Geschäftssinn nennen könnte.

„Sir, sie müssen eine Zusatzversicherung gegen Feuer und Diebstahl abschliessen, sonst sind sie Schadenersatzpflichtig!“ erklärte die modisch gesteilte Dame am Schalter.

Wie hatte es doch bei Buchung der Reise geheissen? Kilometer frei, alles inklusive! No extra costs!

So stand es in meinen Reiseunterlagen.

Die Lady in himmelblau liess sich nicht beirren.

„Sorry Sir, das entspricht nicht unseren Bestimmungen!“

„Die Zusatzversicherung ist obligatorisch und kostet 16 Dollar pro Tag!“

Mein Blutdruck stieg. Aber was konnten wir tun. Es war spät in der Nacht und meine Tochter war müde. Ich auch. Und doch konnte ich diese Unverfrorenheit nicht einfach hinnehmen. Ich musste Zeit gewinnen.

„Kann ich das Auto sehen?“ fragte ich mit zusammen gebissenen Zähnen.

Die Antwort bestand aus einem Klirren unter dem Desk, dann eilte die himmelblaue Lady voraus durch die gläseren Schwingtür und hinüber zum Parkplatz, wo sie zielstrebig auf ein kleines Auto japanischer Herkunft zustrebte, das in keiner Weise dem Mittelklassewagen entsprach, der in den Reiseunterlagen zugesichert war.

Damit war meine Geduld zu Ende.

„Ich möchte mit dem Manager sprechen!“ hörte ich mich energischer sagen, als man es in den USA landläufig gewohnt ist. Über der wattierten Schulter der Lady hatte ich schräg gegenüber eben eine Leuchtreklame entdeckt, auf der in grossen Lettern „Care Hire“ geschrieben stand, was mich noch energischer machte.

Leicht verstört über den widerspenstigen Kunden eilte die Lady zurück ins Office, und ich und meine Tochter hinterher.

Als sich die Schwingtür hinter uns geschlossen hatte, war unsere Lady bereits durch eine Klapptüre in einen Nebenraum verschwunden. Gelassen pendelte die Tür hin und her.

Wenig später kehrte unsere Lady im Schlepptau einer anderen Lady in Himmelblau zurück. Ob Managerin oder vielleicht auch nur Kollegin war ihrem bedauernden Kopfschütteln, das ihren Standpunkt schon von weitem verdeutlichte, nicht eindeutig zu entnehmen.

Mein Blutdruck blieb wo er war, und ich fürchte, dass sich meine Reklamation nicht besonders freundlich und schon gar nicht Bussines konform anhörte:

„Sie wollen mir ein Auto andrehen das nicht unserer Vereinbarung entspricht und verlangen zudem zusätzliche Versicherungsgebühren, die im Arrangement bereits enthalten sind! Das ist Betrug!“

Das freundliche Lächeln im Gesicht der Lady fror fest, während das bedauernde Kopfschütteln nicht enden wollte.

Aber da war ich bereits entschlossen, die Nummer nicht hinzunehmen.

Ich sagte ihr, dass ich mein Auto woanders mieten und die Kosten zuhause geltend machen würde, und dachte dabei an die Leuchtreklame der Konkurrenz gegenüber.

Doch meine Drohung bewirkte nichts und das bedauernde Kopfschütteln nahm seinen Fortgang.

Da nickte ich meiner Tochter zu, griff nach dem Gepäck und verliess das Office Richtung Leuchtreklame.

 

Wenig später fuhren wir mit einem hübschen Mittelklassewagen des Typs Chevrolet Cavalier Richtung Miami Beach, an der prächtigen Hotelpromenade vorbei, zu einem vom Autovermieter empfohlenen Motel namens „Paradise Inn“, das dieser exzessive Bezeichnung allerdings nicht in allen Belangen gerecht werden konnte.

Aber alle anderen Hotels waren längst ausgebucht.

„Wii’r compliit! Ei’m sou sorry!“

Schliesslich reduzieren sich unsere Ansprüche auf eine annehmbare Schlafgelegen­heit im weitesten Sinne,  dem das Paradise Inn in etwa gerecht werden konnte.

Bett ist schliesslich Bett, oder?

Jedenfalls brachten wir die Nacht, abgesehen von einer zweifelhaften Party im Nebenzimmer, die bis in den frühen Morgen dauerte, ohne weitere nennenswerte Vorfälle hinter uns.

Allerdings war’s mit schlafen nicht weit her.

Nach einem amerikanischen Früh­stück beim Schnellimbiss um die Ecke, bei Kentucky Fried Chicken, Wendys, Taco Bell, Dennys, Burger King oder McDonalds, die Aufzäh­lung ist noch lange nicht komplett,  war es dann Zeit, sich auf den Highway zu machen. Frei und ungebunden dahin zu rauschen, während heisser Country aus dem Radio fetzte und die aus weiter, europäischer Ferne so überheb­lich belächelte Klimaanlage herrlich kühle Luft in den Innenraum blies. Was hätten wir bloss ohne sie getan? Draussen herrschte tropische Schwüle.

Ein gigantischer Truck rollte auf Dut­zenden von Rädern vorüber. An seiner Karosserie prangte ein dreissig Fuss langes Bild des wilden Westens, das nicht so recht in die üppige Vegetation Floridas passen wollte. Wir staunten eine Weile über diesen erneuten Beweis ameri­kanischen Gigantismus’ und verfol­gten weiter unseren Weg nach Norden, weg von diesem Moloch von Grossstadt, weg vom „Miami Sea Aquarium“, „Parrot Jungle“, „Monkey Jungle“ und „Orchid Jungle“.

Die Umgebung von Miami strotzt von Jungles und anderen Sehenswürdigkeiten, von der City einmal ganz abgesehen, die man getrost ebenso, wenn auch Grossstadt Jungle nennen kann.

Unser Weg führte uns weit weg von Miami durch die wunderbare Landschaft des Lake Okeechobee nach Norden, wo an wilden Ufern bizarre Baumskelette aus dem schweren, schwarzen Wasser ragten, wo sich Reiher auf abgestorbenen Aesten räkelten, und dann noch weiter in den Norden, und schliesslich nach Or­lando, der Stadt von Disney World, Sea World und Universal Studios, wo sich ein Vater in seinen besten Jahren auf Drängen seiner Tochter in ein Auto setzen musste, das, wie man ihm geduldig erläuterte, dem Film „Zurück in die Zukunft“ nachempfun­den war. Worauf sich selbiges, indem es nach allen Seiten zu schwanken begann, auf scheinbar rasende Fahrt durch die Zeitenstürme begab, sodass sich der arme Mann, ohne sich zu über­geben, nur über die Höllenfahrt zu retten vermochte, indem er sich mit Händen und Augen krampfhaft an das futuristisch anmutende Armatu­renbrett klammerte.

Und sich erst in Disney World wieder zu erholen begann, genauer gesagt im dazugehörenden Epcot Centre, noch genauer, in einem Pavillion namens „Living Seas“, und zwar Angesicht zu Angesicht mit einer Manatee­dame mit Kind, die sich zusammen im grössten Aquarium der Welt tum­melten, wie man vor Ort jedenfalls behauptete.

Auf der nachträglichen Wanderung um den riesigen künstlichen See, flanierte er dann jedoch Gott sei Dank wieder fröhlich durch die nachgebau­ten Städte und Landschaften dieser Welt, und fr..s sich durch ihre kuli­narischen Spezialitäten. Sauerkraut mit Weisswürschtel, Spaghetti bolognaise und crêpes suzette. Sogar unverbesserliche, amerikanische Fastfood Vertilger vergassen dabei Hamburger und Hot Dog.

Spät am Abend um 9.00 Uhr startete dann auch noch die grosse Laser-, Ton- und Feuerwerksshow auf dem See.

Amerikas Future Land detonierte im Takt des Wiener Walzers.                         

Und Jasmins Augen, die schon den ganzen Tag über vor Begeisterung geglänzt hatten, glänzten nun noch mehr.

„Das isch denn schön, Paps!“

Und Paps empfand es genauso, obwohl er sonst nicht allzu viel übrig hatte, für amerikanische Megashows.

Aber welcher Vater kann schon widerstehen, wenn er seiner Tochter eine Freude bereiten kann.

Natürlich verbrachten wir die anschliessende Nacht in einem der Disney World’schen Holliday Resorts. Näm­lich im Caribbean Beach Resort, das nicht gerade billig, dafür aber so kitschig schön war, wie man es von Amerika eben erwartet. Hübsche Holzhäuser im Key West Stil, um einen künstlich angelegten See, mit blütenweissem Karibikpal­menstrand. Ein Ferienparadies für Vergnügungshungrige.

Gewisse Reisende aber hatten bald des Rummels genug und fuhren auf der Inter State 4 über Daytona Beach, an der berühmten Motorsport Renn­strecke vorbei, zu den Delphinen von „Marineland of Florida“, um mit ihnen Ball zu spielen. Und noch einen Tag später brachen sie zum grossen Abenteuer auf, in die Sümpfe der Okefenokee Swamps, einem Schutzgebiet im Staate Georgia, das an der Grenze zu Florida liegt.    

Als Naturfreunde mieteten wir uns dort, im zu den Okefenokee Swamps gehörenden Stephen C. Foster State Park, für ein paar Tage ein Holzhaus zwischen Sumpfeichen und Zypres­sen. Fuhren mit dem Kanu über beinahe zugewachsene, schwarze Wasserwege, an deren Ufern sich Alligatoren auf ab­gestorbenen Baumstämmen sonnten, oder träge im Wasser treibend, ihre Nasenöffnungen und Augen zwi­schen den Seerosen tarnten.

Jasmin sass vorne im Kanu und ich hinten. Nach ersten Anfängerschwierigkeiten bekamen wir das Boot immer besser in den Griff, und schliesslich paddelten wir wie alte Hasen um Zypressen und schwimmende Baumstämme herum, die manchmal gar keine Baumstämme waren, sondern Alligatoren. Mit der Zeit stellten wir fest, dass es keinen Grund gab, uns vor allfälligen Angriffen zu fürchten. Unsere Anwesenheit rang ihnen nicht mehr Aktivität ab, als ein gelegentliches Blinzeln aus grünlich schillernden Augen. Meist trieben sie schon bei unserer Annäherung sachte davon oder tauchten unter.

Die Okefenokee Alligatoren schienen den Menschen wohl gesonnen. Eigentlich müsste man eher die Alligatoren vor den Menschen warnen, als umgekehrt.

Trotzdem lautete eine an die Besucher des Stephen C. Foster State Park gerichtete Verhaltensregel:

„Nicht füttern, nicht erschrecken, nicht necken!“

Woraus uns allerdings nicht genau abzuleiten gelang, wem die Regel letztlich dienen sollte, den Alligatoren oder den Menschen. Soll sie die Alligatoren vor Störungen schützen, oder den Menschen vor selbst provozierten Angriffen.

Schliesslich nahmen wir an, dass sie beiderseitigen Schutz bezwecken sollte.

Allzu unbesorgt sollte man sich nämlich trotz deren demonstrativer Friedfertigkeit nicht mit Alligatoren anfreunden. Auch wenn sie schein­bar fast immer träge herumliegen, sich sonnen, oder im Wasser treiben lassen, sind und bleiben sie doch beeindruckende Panze­rechsen mit noch beeindruckende­rem Gebiss. Und ihre zärtlich lockenden Grunzrufe, die nach Einbruch der Dunkelheit weit über die Sümpfe hallten, wenn ein traumhafter Sonnenuntergang Schwärme von Reihern und anderen Sumpfvö­geln durch die glutrote Sonne hat ziehen lassen, galten wahrscheinlich eher andersgeschlechtlichen Verehrern der eigenen Art, als uns menschlichen Bewunderern.

Von unserem Blockhaus, das mitten in den Sümpfen auf einer meist trockenen Insel stand, waren wir nacht für nacht von ihrem geheimnisvollen Grunzen und Grollen umgeben. Unwiderstehliche Laute, bei denen sich ein echter Natur- und Tierfreund nicht lange zurückhalten kann. Darum zogen wir jede Nacht nach dem Dinner noch einmal unsere guten Schuhe an, griffen zur Taschenlampe, und machten uns auf Entdeckungsreise.

Es hat sich immer gelohnt. Einmal waren es äsende Weisswedelhirsche am Sumpfrand, ein anderes Mal durch das Unterholz der Zwergpalmettopalmen huschende Graufüchse und Opossums, und einmal sogar jenes seltsame Gürteltiere, das sich mit spitzer Nase durch die dichte Laubschicht am Boden wühlte, die wir beobachten konnten. Wunderbare Begegnungen, für die wir gut und gerne auf Miami Beach, Cap Canaveral oder Cypress Gardens verzichten konnten, wo sich ohnehin nur Massen von Touristen auf die Füsse traten.

Dabei hätten wir wegen der Alligatoren nicht einmal so weit in den Norden zu reisen brauchen.

Nahe Sarasota, im Südwesten  Flori­das, wo spanisches Moos, das gar kein Moos ist, sondern eine Tilland­sienart, dicht und gespenstisch wie Feenhaar von den Aesten der Bäume hängt, liegt ein weiteres Naturparadies namens Myakka River State Park. Auch dort gibt es Blockhäuser inmitten der Sümpfe zu mieten. Sogar mehrtägige Kanu- oder Wandertouren mit Übernach­tungen in primitiven Zeltcamps sind möglich.

Wer dem Touristenrummel die  Ruhe solcher Naturparadie­se vorzieht, und Tage oder gar Wochen „unter Alligatoren“ verbringen möchte, dem seien diese beiden Parks wärmstens empfohlen.

Aber ob Naturfreund oder Raum­fahrtfreak, zum Abschluss einer Floridareise fährt man selbstver­ständlich von Miami nach Key West hinaus.

Nach hundertundsechzig Meilen über langgezogene Inseln und noch län­gere Brücken, deren längste sieben Meilen misst, weshalb man ihr den logischen Namen „7Miles-Bridge“ gab, erreichten wir die Stadt Ernest Hemingways, dessen Haus heutzu­tage jedem offen steht. Gegen Bezahlung natürlich. Schliesslich waren wir in Amerika. Obwohl wir uns während unseres Bummels durch die blühenden Strassen mit den typischen Holzhäu­sern und ihren ausladenden, gedeck­ten Veranden, eher in einem Kari­bikstaat wähnten. Was zusammen mit dem warmen, sonnigen Klima auch die Schriftsteller Ernest Hemingway und Tennessee Williams hierher gelockt haben mag.

Früher einmal war Key West eine Siedlung von Schiffsab­wrackern, welche die in vielen Jahrhun­derten untergegangenen Schiffe bargen, und sich, da es zu jener Zeit noch keinen McDonald und keinen Kentucky Fried Chicken gab, haupt­sächlich von einer bestimmten Muschelart ernährten, die den Einwohnern von Key West schliesslich ihren Namen „Conchs“ bescherte.

Eine Tatsache, auf Grund welcher man es nicht unterlassen sollte, in einem der vielen Restaurants eine  „Conch“ zu probie­ren, vielleicht gar in „Sloppy Joes Bar“, wo Ernest Hemingway „viel Bier getrunken hat und daraufhin viel umgefallen ist“, wie sich einer der Barkeeper auszudrücken pflegte.

Wir taten beides, ohne dabei umzufallen. Allerdings konnten und wollten wir Ernest Hemingway auch keine Konkurrenz machen, wenigstens nicht was die Menge an Bier betraf.

Die „Conch Chowder Soup“ war ganz speziell.

So speziell, dass weder ich noch meine Tochter sie vollständig aufessen konnten. Aber das lag mehr an unserem Geschmack als an der Suppe. 

Noch vor den Conchs gehörte Key West dem Spanier Juan P. Salas, dem es 1815 von seinem König verliehen wurde. Damals hiess die Insel allerdings noch Cayo Hu­eso, was soviel wie Knochensandin­sel bedeutet. Ein Name der vermut­lich den von Indianermassakern herrührenden Knochenfunden zuzu­schreiben ist.

1822 begann dann die amerikani­sche Herrschaft über Key West und die Florida Keys, die heute haupt­sächlich aus Hotels, Restaurants und Bars und unzähligen Touristenat­traktionen bestehen. Doch kann sich eben kein zweiter Ort auf dieser Welt dieses einzigartigen Key West-Flairs rühmen, das selbst uns Naturfreunde abends stundenlang durch die übervölkerten, aus offenen Bars von Rock- und Countrymusic überspül­ten Strassen bummeln liess. Bis wir mit völlig erschöpften Füssen und um einige Traveller Checks ärmer zurück in unser Hotel schwankten, um trotzdem noch eine Tennispartie unter Flutlicht zu spielen, mit Bällen, welche vermutlich schon Ernest Hemingway benutzt hatte, wie wir uns anzunehmen gezwungen sahen.

„Paps, mit diesen Pflaumen kann man nicht spielen!“ meckerte meine Tochter, als sie hoffnungslos zurück lag.

Sie hatte recht, denn die Bälle wurden dem wunderschönen Platz am Beach bei weitem nicht gerecht, und das in Key West, wo ganz in der Nähe jedes Jahr eines der berühmtesten Tennis Turniere überhaupt stattfindet.

Das Hotel trug übrigens keinen geringeren Namen als „Holliday  Inn“, woraus man endlich den beru­higenden Schluss ziehen kann, dass entgegen seinem vorauseilenden Ruf auch in Amerika nicht alles perfekt ist.

Einen Schluss, den wir ange­sichts des herrlichen Zimmers mit Sicht über die Mangroven allerdings wieder zu revidieren bereit waren, angesichts des bezaubernden Anblicks, der uns den bevorstehenden Abschied von Ame­rikas Sonnenstaat auch nicht gerade leichter machte.

Die nächste Nacht verbrachten wir wieder im Flugzeug. Mit essen und Filme schauen, von denen wir ohnedies nicht die Hälfte sahen, weil entweder der Vorder­mann seinen Kopf ins Bild streckte, oder dauernd jemand zu den Toilet­ten hastete. Und natürlich hatte ich nicht die geringste Hoffnung auf Schlaf, mit solch langen Beinen und solch schmalen Sesseln.

Ja, wieder hatten wir eine lange Nacht zu überstehen, in welcher uns die anlässlich der Herreise geschenkten 6 Stunden wieder genommen wurden. Womit der peinigende Flug über Rom und Mailand nach Zürich aber um keine Sekunde kürzer wurde.

Dann waren wir wie­der zuhause, wo es regnete und kalt war, hin und wieder sogar schneite.

„Ach, wäre man doch ein Conch!“