„Tot siens!“ Auf Wiedersehen Südafrika!

 

 

„Die Transit Passagiere nach Johannesburg werden gebeten, an Bord der Maschine zu bleiben, während diese für den Weiterflug aufgetankt wird!“ tönte es auf dem Kenyatta Airport von Nairobi monoton aus den Bordlautsprechern der DC10 der Swissair.

Eigentlich wären wir dem Sardinenleben gerne für ein paar erholsame Schritte entwichen, eine Flugnacht von Genf. Aber was soll’s, dreizehn Schritte nach hinten, bis zur Toilette, und fünfunddreissig Schritte nach vorne, bis zur ersten Klasse, die während des Fluges zwangsläufig die Stelle des unerreichbaren Paradieses einnimmt, schaffen zur Not auch etwas Linderung für unsere steifen Knochen. Noch vier Stunden bis Johannesburg, dann ist es ausgestanden.

Wie gewöhnlich hatte ich auch auf diesem Flug kein Auge zugetan. Hatte miterleben müssen, wie alle anderen Passagiere ihre unbequemen Schuhe gegen die vom Kabinenpersonal überreichten Fusswärmer ausgetauscht, die praktischen, kleinen Kissen hinter dem Kopf zurecht gerückt hatten, und kurz darauf eingeschlafen waren.

Wenig später war es, abgesehen von dem unaufhaltsamen Dröhnen der Turbinen, ruhig geworden, in der Maschine. Die Kabinenbeleuchtung war bis auf wenige Notlichter ausgegangen, und nur ich hatte noch wach gesessen. Hatte gelesen und aus dem kleinen Fenster nach unten gestarrt, wo erst die riesigen Wüsten der Sahara und dann die Savannen Ostafrikas vorbei gezogen waren. Dabei hatte ich an vergangene Reisen gedacht. An die herrliche Einsamkeit der Wüstennächte und an die wilden Tiere der Savannen. Hin und wieder hatten die Feuer von Massaidörfern zu mir herauf geleuchtet und ich hatte im Geiste die niedrigen, Kugelförmigen Lehmhütten vor mir gesehen, die im Kreise angeordnet den Kral der Rinder schützen. Und ich hatte mir die stolz ihren Speer tragenden Massai Krieger vorgestellt, und deren Frauen, mit breiten, bunten Ringen um Hals, Arme und Beine.

Gelegentlich waren meine Gedanken darum gekreist, was uns in dem veränderten Land wohl erwarten würde, das ich schon in früheren Zeiten bereist hatte.

Die Vorstellungen der geplanten Reise waren noch vage. Mit einem Camper durch den Norden, Pretoria und Kruger Wildschutzgebiet usw. Dann ein Besuch auf Eddies Farm bei Heidelberg.

Sie haben richtig gelesen. Auch in Südafrika gibt es ein Heidelberg.

Später durch die Karoo nach Kapstadt, ans Kap der guten Hoffnung, oder „Cape of Good Hope“, wie es da unten heisst. Alles weitere wollten wir spontan auf uns zu kommen lassen.

Aber erst einmal mussten wir heil auf dem Jan Smuts Airport von Johannesburg herunter kommen, was wir natürlich nicht im geringsten bezweifelten.

 

Vierundzwanzig Stunden später sprangen wir frisch und ausgeruht aus den Betten des Meridian Hotels in Johannesburg. Auf dem Weg vom Flugplatz hatte es ein kleines Problem mit dem Taxichauffeur gegeben, der Johannesburg erst nach langer Zeit und vielen Umwegen gefunden hatte.

„It’s the straightest way, I’m driving!“

Erst als ich ihm auf seinem eigenen Stadtplan zeigte, wo wir uns gerade befanden, nämlich weit von der Richtung entfernt, die er hätte einschlagen sollen, steuerte er unser Hotel ohne weitere „Abkürzungen“ an.

Aber das war wie gesagt gestern.

An diesem Morgen freuten wir uns auf ein schönes Frühstück mit allem Drum und Dran.

„Paps, ich nehme Eier und Speck!“ meldete sich unsere Tochter mit der Zahnbürste im Mund.

Dem wiedersprach niemand, denn unser aller Mägen krümmten sich in Vorfreude auf ein komfortables Frühstück.

Vor dem Hotelfenster stand die Skyline von Johannesburg. Der Fernsehturm strahlte golden im frühen Sonnenlicht. Unter dem Fenster lag ein tropischer Garten mit einem von Hibiskus und Bougainvilliae umrahmten Teich, auf dessen Wasserfläche die weissen und rosafarbenen Blüten von Seerosen trieben. Darum herum standen gedeckte Tische mit bequemen Stühlen, die zum Frühstück einluden.

Wir liessen uns nicht zweimal bitten und widmeten uns eine gute Stunde lang tropischen Früchten, frischen Brötchen, Scrambled Eggs und Bacon. Der Uhr wollten wir für die nächsten Wochen und

Monate den Nimbus des wichtigsten Begleitinstrumentes neuzeitlichen Lebens absprechen.

Ihr Zifferblatt sollte nur noch in Notfällen konsultiert werden.

 

Nach dem Frühstück wechselten wir ohne Hast den Schauplatz. Vom Meridian zum Carlton.

Auch das Carlton ist ein Hotel, nur etwas teurer als das Meridian. Doch das war nicht der Grund unseres Wechsels. Das Carlton suchten wir seiner Höhe wegen auf. Das Carlton ist für Johannesburg, was das Empire State Building für New York. Damit aber erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten bereits, denn der Überblick, und um den geht es schliesslich, könnte unterschiedlicher nicht sein.

Wie vom Empire State Building bot sich zwar auch vom Carlton erst ein weiter Blick über die Dächer der Down Town. Dann aber, hinter den Ausdünstungen der Grossstadt, fingen sich unsere Blicke in den Vorortssiedlungen der weissen, farbigen und schwarzen Bevölkerung und in den Abraumhügeln der Goldminen, bevor sie sich am Horizont im weiten, trockenen Land verloren. Dazwischen fächerte sich ein Netz von Freeways, welche die City von Johannesburg in alle Richtungen verlassen.

Nach Süden, wo das Kap der guten Hoffnung auf unvorsichtige Seefahrer lauert, nach Osten, zum indischen Ozean, nach Durban und Port Elizabeth, oder nach Norden, Richtung Pretoria, wo die Grenze zu Botswana und Zimbabwe liegt, oder etwa zwölftausend Kilometer Luftlinie weiter ein winziges Land namens Switzerland, dessen Fläche gerade mal drei Prozent von Südafrikas Fläche ausmacht.

Im Nordosten aber, da wo die Republik Südafrika an die Grenzen von Mozambique und Zimbabwe stösst, lag für uns das wahre Afrika. Das „Nasionale Kruger Wildtuin“. Eines der grössten Wildschutzgebiete der Erde.

 

Gute dreihundert Kilometer Asphalt liegen zwischen Johannesburg und dem Kruger Nationalpark. Dreihundert Kilometer durch das Transvaal, die nördlichste Provinz der Republik, durch die Drakensberge, mit ihren herrlichen Tälern, dem Lydenburg Naturreservaat und dem Blyde River Canyon, oder dem botanischen Garten von Nelspruit, der am zerklüfteten und ausgewaschenen Canyon des Crocodile River liegt.

Dass der Crocodile River nicht nur so klingt als ob, konnten wir gut sehen, als wir kurz vor dem Malelane Gate, einem der Eingänge zum Kruger Nationalpark, einen Blick über das Geländer der alten Eisenbrücke auf das träge fliessende Wasser und seine sandigen Ufer warfen. Da tummelten sich nicht nur Antilopen, Paviane und Meerkatzen an dicht bewachsenen Ufern. Da lagen auch mehrere Meter lange Baumstämme, die sich bei Aussicht auf Beute blitzschnell in tödliche Reptilien verwandelten. Dass der Crocodile River seinem Namen auch heute noch gerecht wird, liegt am Kruger Nationalpark, dessen natürliche, südliche Grenze er bildet.

Jasmins Augen leuchteten vor Aufregung.

Wie lange meine Tochter und ich am Geländer der Brücke verharrten und gebannt in das Flussbett des Crocodile River hinunter starrten, weiss ich nicht mehr. Aber eines ist sicher, ich war in meinem geliebten Afrika, in meiner Vorstellung vom Paradies.

„Kommt, wir müssen weiter!“ rief meine Frau aus der Tür unseres Campers.

Ein widerwilliger Blick auf die Uhr bestätigte, dass sie recht hatte. Das Paradies schloss seine Tore um achtzehn Uhr. Spätestens um neunzehn Uhr hatte sich jeder Besucher des Nasionalen Kruger Wildtuin hinter den Elefantenzaun eines der vielen Camps zu flüchten.

Das Berg en Dal Camp war an einem künstlichen Damm errichtet worden, der von Krokodilen und Wasserschildkröten bevölkert war. Wir stellten unseren Camper direkt mit dem Schlafzimmerfenster an den Elefantenzaun, so dass uns ausser ihm nichts vom nächtlichen Treiben der afrikanischen Wildnis trennte.

Die Nacht war lau und windstill. Durchdringendes zirpen von Zikaden und anderen Insekten erfüllte die Luft.

Hin und wieder wurde die Geräuschkulisse vom Warnschrei eines Nachtvogels oder dem Angstschrei eines gejagten Opfers durchbrochen. In weiter Ferne verhallte das Grollen des Königs der Steppe, das von den protestierenden Trompetentönen einer Elefantenherde beantwortet wurde.

Die Geräuschkulisse der afrikanischen Savanne wiegte uns in den Schlaf.

Bis seltsame Geräusche uns plötzlich wieder hellwach werden liessen.

Irgend ein Tier, das dem Elefantenzaun entlang strich und unerklärliche Laute von sich gab. Ein leises Kichern, das sich allmählich zu einem höhnischen Gelächter steigerte. Eine zweite Stimme gesellte sich dazu. Ein unheimliches Duett.

„Papi, was ist das?“ wollte meine Tochter wissen.

Dann rochen wir fremden, strengen Geruch, und sahen schliesslich auch die Tiere, die für ihn verantwortlich waren.

Zwei Hyänen, die, angezogen vom Duft des Fleisches, der immer noch von unserem Holzkohlegrill ausgestrahlt wurde, am Zaun entlang strichen. Hin und her, immer wieder ihr höhnisches Gelächter ausstossend, womit sie wohl dagegen protestierten, dass ihnen der Weg zum Grill durch Eisendrähte versperrt war.

Im Laufe der Zeit drang ihr strenger Geruch, den man ohne weiteres auch fürchterlicher Gestank hätte nennen können, in die hinterste Ecke unseres Campers, wo er die Tierliebe meiner Frau zu relativieren begann. Für unangenehme Gerüche hatte sie noch nie etwas übrig gehabt, auch wenn die Natur darum herum noch so schön war.

Fast hätten wir den Platz mitten in der Nacht verlassen müssen. Weder meine Einwände, noch die Begeisterung unserer Tochter konnten sie beruhigen. Doch dann verliessen uns die beiden Hyänen schliesslich wieder, allerdings nicht aus Rücksicht auf meine Frau, sondern weil sie eingesehen hatten, dass sie die Quelle des verführerischen Duftes doch nicht erreichen konnten. Mit ihnen verflüchtigte sich auch der strenge Geruch, vor allem, nachdem meine Frau den Camper gehörig gelüftet hatte.

Der Rest der Nacht ging ohne weitere Vorkommnisse vorüber. Für mich war es eine Nacht im Paradies, für meine Frau eine Nacht mit traumatischem Erlebnis, und für unsere Tochter eine Nacht in der sicheren Tiefe ihres Schlafsacks.

 

Ein afrikanischer Savannenmorgen hat nichts gemein mit der flimmernden Hitze, die der Tag noch bringen wird. Ein Savannentag beginnt angenehm frisch. Die aufgehende Sonne wirft einen rosa Schleier über das goldene Gras. Herden von Gnus, Zebras und Antilopen erheben sich schlaftrunken aus dem taunassen Gras. Nashornvögel und Glanzstare flattern lebhaft durch das Geäst von Schirmakazien und Gelbfieberbäumen, durchsuchen den gedeckten Frühstückstisch.

Familie Hufschmid aber rüstete sich für den Start zur ersten Etappe einer Safari, die sie von Camp zu Camp in den obersten Norden des Kruger Nationalparks führen sollte, wo der Limpopo die Grenze des Parks und die Grenze zu Zimbabwe bildet. Unser erstes Ziel hiess Sabie Camp, das nächste Skukuza und das übernächste Satara. Das Nasionale Kruger Wildtuin ist gross, beinahe halb so gross wie die Schweiz. 350 mal 60 Kilometer unberührte Savanne, beherrscht von den „Big Five“, von Elefanten, Nashörnern, Büffeln, Löwen und Leoparden.

Wir fuhren auf Asphalt- und Naturstrassen durch die Hügel des südlichen Parks, durch das flachere Buschland des mittleren Parks und durch die Wälder des Nordens, bis wir den Limpopo erreicht hatten.

Wir sahen den Elefantendamen am Olifant River beim baden zu, und liessen ihnen wohlweislich den Vortritt, wenn sie die Strasse vor uns überquerten. Wir verbrachten einen Abend am Hippo Pool des Ngotso, einem schmalen, einsamen Flusslauf, wo die rosigen, unförmigen Flusspferde mit der untergehenden Sonne an Land stiegen, um sich nachts ihren dicken Bauch mit Grünzeug voll zu schlagen.

Wozu unsere Tochter meinte: „Paps, die sehen aus wie Blutwürste!“

Was man treffender nicht hätte sagen können.

Die Tage vergingen und bald gehörten wir fast ein wenig zum Kruger Nationalpark, wie seine Tiere. Hatten uns dem Rhythmus der Savanne angepasst, standen mit der Sonne auf und gingen mit ihr wieder schlafen, wie die meisten Tiere des Parks. Zwei Wochen verbrachten wir im Nasionalen Kruger Wildtuin.

Genug der Tiere hatten wir damit allerdings noch lange nicht.

Da gab es noch das Mkusi, das Hluhluwe (die Südafrikaner sagen Schluschluwe), das Umfolozi (Aömfoloosi) und das St. Lucia Reservat.

Im einen gab es Spitzmaul Nashörner, und im anderen Breitmaul Nashörner, und das St. Lucia war ein berühmtes Vogelparadies. All dies konnten und wollten wir nicht verpassen. Na ja, sind wir ehrlich, wollten ich und meine Tochter nicht verpassen.

 

So verbrachten wir noch zwei weitere Wochen in den Provinzen Transvaal und Natal bevor wir die südlich von Johannesburg liegende Kleinstadt Heidelberg ansteuerten, in deren Nähe Eddie, ein vor langer Zeit ausgewanderter Schweizer, eine kleine Farm betreibt. Zwar ist Eddie kein eigentlicher Farmer. Vielmehr besteht seine Haupttätigkeit darin, besonders präzise Metallteile für andere Fabriken herzustellen. Darum heisst seine Firma auch Precision Grinders.

Seine Leidenschaft aber ist seine Farm. Die Fountain Farm ist nicht nur ein Teil der südafrikanischen Savanne, sondern auch ein Teil von Eddie, und Eddie ist ein Teil von ihr. Die Fountain Farm besteht aus einigen Dutzend Hektaren hügeligen Graslandes, auf dem Eddie seinen Traum verwirklicht hat. Im vorderen Teil, nahe der Hauptstrasse, steht Eddies Farmhaus in der Nähe eines Dammes. Dahinter steigt das Grasland sachte an, bis es an eine felsige Anhöhe grenzt. Während der vordere Teil den Rindern gehört, grasen auf dem hinteren Teil Buntböcke, Springböcke und Strausse. In den Felsen herrschen Klippschliefer und Reptilien.

Oft sassen wir abends oben auf der Anhöhe und blickten über das hügelige Land, bis die Sonne über den goldenen Grasflächen am Horizont verschwand, während Eddie von einem Südafrika träumte, in dem alle Völker in Frieden zusammen leben können.

Auch in Heidelberg.

Ein Hinweis auf Heidelbergs Gründer, besonders auf deren Nationalität erübrigt sich. Wem der Ortsname noch nicht genügt, dem wird spätestens beim Betrachten der Kirche, des Rathauses oder des Bahnhofs ein Licht aufgehen, woher deren Erbauer kamen. Massive, deutsche Architektur kann sich auch im südafrikanischen Transvaal nicht verleugnen.

In Heidelbergs Bahnhof halten die Züge länger als in jedem anderen Bahnhof der Welt, weil es in Heidelberg keine Gleise mehr gibt, zum wegfahren aus dem Bahnhof, der nun trotz oder gerade wegen seiner baulichen Schönheit ein Railway Museum ist. Wer heute nach Heidelberg will, der kommt mit dem Bus oder mit dem eigenen Auto auf der Autobahn von Johannesburg.

Die Hauptstrasse Heidelbergs könnte die Hauptstrasse jeder deutschen Kleinstadt sein, jedenfalls war sie ganz sicher genau so sauber. Deutscher Ruf verpflichtet. Da musste man schon etwas genauer hinsehen, um sicher zu gehen, dass man doch nicht in Deutschland ist, sondern über zehntausend Kilometer entfernt in Südafrika war.

Zum Beispiel auf die Schilder der Geschäfte, die sich in den schattigen Arkaden der Hauptsrasse aneinander reihten. Da hiess die Apotheke eben Aptek oder Chemist, und der Schuhladen Shoeshop. Und weiter unten, da wo die kleine Kapelle der Baptisten stand, mit dem hübschen Glockentürmchen aus Holz im Vorgarten, da begann das Wohngebiet der Schwarzen.

 

Aller Abschied ist schwer. Eddie und seine wunderschöne, kleine Farm machten es uns nicht leichter. Aber einmal musste es sein. Eine gute Zeit war vorüber und wir zogen weiter, mit der Nase gen Süden. Unseren Camper hatten wir in Johannesburg gegen einen Personenwagen eingetauscht. In einigen Tagen würden wir in Kapstadt sein, und dort eine kleine Ferienwohnung mieten. Dazwischen lag die trockene Karoo.

Anfänglich führte uns die Strasse durch den Oranje Free State. Durch flaches bis hügeliges Trocken-grasland. Durch sogenanntes Schafland, denn nur genügsame Schafe sind mit den kärglichen, trockenen Grasbüscheln zufrieden, die das Land über weite Flächen beherrschen.

Vor einigen hundert Jahren gehörte dieses Land noch den wilden Tieren. Giraffenherden zogen mit majestätischen Schritten über die goldenen Ebenen und der Springbock, das südafrikanische Wappentier, brachte sich mit langen Sprüngen vor dem König der Steppe in Sicherheit. Sie alle muss man nun in einem der Reservate besichtigen, wie am Allemanskraaldam, wo wir unsere erste Übernachtung seit Eddies Farm hatten.

Südafrika könnte man gut und gerne das Land der Dämme nennen, denn überall, wo die Chance auf Wasser besteht, sei es nun von oben oder unten, bauen die Südafrikaner einen Damm. Jede südafrikanische Farm hat mindestens einen Damm. Über das ganze Land verteilt findet man Dämme von der Grösse eines Weihers bis zur Grösse eines Binnenmeeres. Der Allemanskraaldam ist mit zwanzig Kilometern Länge einer der grösseren und darum nicht nur ein Damm, sondern auch ein gutes Schutzgebiet für Wildtiere.

Ausser in künstlichen Dämmen sieht man gewöhnlich kein Wasser in den steinigen Wüsten der Karoo. Kilometer um Kilometer trockenes Land. Hin und wieder ein paar Schafe, oder ein Wegweiser, der das Vorhandensein einer mehr oder weniger weit von der Hauptstrasse entfernten Farm ankündet. Die Strasse könnte mit dem Lineal gezogen worden sein und wird nur in wenigen Ansiedlungen wie Kroonstad, Bloemfontein, Kimberley oder Beaufort West von anderen Strassen gekreuzt. Erst kurz vor Kapstadt steigt die Strasse nach Touws River an, in die Hex River Mountains, die zu einem Gebirgszug gehören, der das südafrikanische Trockenland von Mozambique bis zum Kap der guten Hoffnung vom indischen Ozean trennt.

Doch noch befanden wir uns mitten in der Karoo, die selbst im südafrikanischen Winter tagsüber in der Hitze flimmert und nachts gefriert.

Trotz des Wüstenlandes war die Fahrt durch die Karoo abwechslungsreich. Südafrikas Natur hat immer wieder neue Überraschungen zu bieten. Seltsame Kakteen, hoch wie Bäume, oder lebende Steine, die nur sieht, wer sich die Mühe macht ein paar Schritte in die Steinwüste hinaus zu gehen, obwohl die Sonne dort besonders heiss vom Himmel brennt.

 

Gedrosseltes Tempo und  gelegentliche Exkursionen vermittelten uns einen Einblick in die herbe Natur der Karoo, bescherten uns den Anblick der seltsamsten Pflanzen und Blüten des Sukkulentenreiches, das ihre Artenvielfalt unter anderem wohl der Ungeniessbarkeit zu verdanken hat. Welches Pflanzen fressende Lebewesen wagt sich schon an Stachelbewehrtes Futter, das zudem auch noch giftig ist.

Wir erspähten Schlangen und Echsen, die ihre Körper auf dem heissen Asphalt wärmten und damit ein gefährliches Spiel trieben.

Irgendwo vor Beaufort West kam uns eine grosse, dunkle Wolke entgegen. Wir hatten sie schon aus weiter Ferne entdeckt, als sie noch eine dunkelbraune Regenwolke zu sein schien. Sie schwebte vor uns am Horizont über der Strasse, die wie ein langer, grauer Strich direkt auf die Wolke zuführte und dann in ihr verschwand. Sie kam stetig näher und folgte der Strasse genau wie wir. Es war offensichtlich, dass sie uns in weniger als einer Minute verschlingen würde.

„Paps, was ist das?“ kam es aufgeregt vom Rücksitz.

Wenig später fuhren wir in einen Heuschreckenschwarm hinein und wurden durch seine Dichte zum anhalten gezwungen. Das graue Band der Strasse war in der wimmelnden Masse der Heuschrecken nicht mehr zu erkennen. Hagelkörnern gleich schlugen ihre Leiber gegen die Windschutzscheibe und das Blech der Karosserie. Nach kurzer Zeit lagen sie in Massen auf der Motorhaube und zappelten mit ihren langen Beinen und Flügeln. Jene, die noch dazu fähig waren, starteten erneut und zogen mit der Wolke weiter. Hunderte aber blieben tot oder benommen liegen und bildeten auf der Motorhaube eine Schicht grotesker Körper.

Hilflos sahen wir dem Naturschauspiel zu, bis der Spuk endlich vorbei war.

Auto, Strasse und Umgebung waren von toten und lebenden Heuschrecken übersät, deren Körper jenen der berühmten ägyptischen Wanderheuschrecke glichen. Vielleicht waren es dieselben. Aber in Afrika gibt es so viele Arten, dass nur ein Spezialist sie hätte bestimmen können.

Eine der bizarrsten hatten wir oben im Kruger Nationalpark gesehen. Sie hatte einen stahlfarbenen Panzer und war mit vielen Stacheln bewehrt gewesen. Eine Mischung zwischen einem mittelalterlichen Ritter und einem Marsmenschen. Eines der vielen Wunder der südafrikanischen Natur, wie wir sie täglich zu Gesicht bekamen.

 

In der folgenden Nacht schliefen wir in einem Hotel am Rande von Beaufort West, im Zentrum der Karoo. Nachdem es tagsüber unerträglich heiss gewesen war, hatte sich nun bittere Kälte über das Land gelegt. Unsere Betten waren nur mit dünnen Decken aus künstlicher Wolle bezogen, sodass wir jämmerlich zu frieren begannen. Und das im Land der Schafe. Schliesslich nahmen wir die Teppiche vom Boden und legten sie über uns. Das half. Ohne sie wäre diese Reisegeschichte wegen Kältetod des Autors wahrscheinlich nie geschrieben worden.

Am nächsten Morgen wärmte uns die Sonne wieder auf und erzeugte bald schon eine Hitze, welche die Kälte der vergangenen Nacht zu einer absurden Erinnerung werden liess.

An jenem Tag erreichten wir den Hex River Mountain und spät abends die Stadt am Kap der guten Hoffnung.

Kapstadt sei eine der schönsten Städte der Welt, wird gerne behautet, und das stimmt auch.

Nicht nur wegen ihrer herrlichen Lage an der Table Bai und den Abhängen des Tafelberges.

Kapstadt ist eine Stadt mit blühenden Parkanlagen und beeindruckenden Bauten im Kolonialstil.

Down Town schiessen moderne Wolkenkratzer in die Höhe, während man an den grünen Hängen am Stadtrand bezaubernde Kaphäuser mit Grasdächern findet.

Unser Ferienbungalow lag direkt über der False Bai. Das war, wie wir später noch feststellen sollten, ein ganz besonderer Platz. Nicht nur, weil False Bai nichts anderes als falsche Bucht heisst. Obwohl die Geschichte dieses Namens schon aufregend genug klingt. Immerhin waren hier in alten Zeiten etliche Schiffe gestrandet, weil sie auf dem Weg nach Kapstadt aus Versehen in die falsche Bucht gesegelt waren. In die False Bai.

Aber da war noch etwas anderes.

Wir entdeckten es eines Abends, als wir auf einer Bank vor dem Bungalow sassen und auf die Bucht hinaus schauten. Erst sah man nur eine kleine Wasserfontäne, die aus einem schwarzem Buckel in die Höhe schoss. Dann plötzlich schnellte ein gigantischer Körper für einen kurzen Augenblick aus dem Wasser und tauchte in einer gewaltigen Flutwelle wieder unter. Eine riesige, schwarze Schwanzflosse war das letzte, was wir von ihm sahen. Zwar liessen wir das Wasser der False Bai nicht mehr aus den Augen, bis es dunkel wurde. Doch der Wal tauchte nicht mehr auf. Danach sassen wir jeden Abend vor dem Haus und hielten nach ihm Ausschau. Vergeblich, er hatte uns eine einmalige Vorstellung gegeben.

 

Die Tage in Kapstadt vergingen wie im Flug.

Tagsüber machten wir Ausflüge an die Heerengracht, die Prachtstrasse beim Bahnhof, oder auf den Tafelberg, von dessen Bergstation man über die City und weit ins Meer hinaus sehen kann, bis Seal Island, wo ein erbitterter Kämpfer gegen die unmenschliche Aparthheitpolitik, ein Mann namens Nelson Mandela, ein halbes Leben lang gefangen gehalten wurde, bevor er zum Regierungsoberhaupt des neuen Südafrika wurde.

Hin und wieder wurden wir so an die Kehrseite dieses schönen Landes erinnert. Persönliche Erfahrungen, die in irgend einer Weise bedrohlich für uns gewesen wären, hatten wir bisher jedoch keine gemacht. Schwarze und Farbige waren uns überwiegend freundlich begegnet.

Nur einmal nachts, in unserem kleinen Ferien Bungalow, hatten wir ein bedrückendes Erlebnis, das uns fürs ganze Leben in Erinnerung bleiben wird. Es zeigte uns eindrücklich, unter welch elenden Bedingungen ein Teil der schwarzen Südafrikaner nach wie vor in diesem wohlhabenden Land zu leben haben.

Gewöhnlich kauften wir ein und kochten unser Essen selbst. Einmal waren es Fertiggerichte, ein anderes Mal ein Huhn mit Kartoffelchips, oder etwas kaltes. Wie auch immer, die Reste landeten in einer Mülltonne, die der Vermieter hinter dem Bungalow aufgestellt hatte, und zwar direkt unter dem Fenster unserer Tochter.

In jener Nacht, kam unsere Tochter verstört in unser Schlafzimmer gerannt und stiess mich ängstlich an:

„Paps, da draussen ist etwas! Da ist jemand vor unserem Fenster!“

Ich versuchte sie zu beruhigen: „Das wird sicher nur irgend ein Tier sein, vielleicht ein Hund.“

Aber sie gab keine Ruhe, und wir gingen gemeinsam nachsehen, öffneten das Fenster und waren zutiefst erschrocken über die Szene, die sich unseren Augen bot.

Es war kein Hund und auch kein anderes Tier, sondern ein Schwarzer, der unsere Mülltonne nach Essbarem durchsuchte. Er hatte Schmutzstarrende, durchlöcherte Hosen und ein ebensolches T-Shirt an. Er hatte einen Stock in der Hand, mit dem er eben noch in den Abfällen gestochert und heraus geklaubt hatte, was ihm noch essbar erschienen war. Hühnerknochen und Chips, die von unserem Diner übriggeblieben waren.

Auch er war zutiefst erschrocken und hielt sogleich in seinem Tun inne, als er sich ertappt sah. Dabei schaute er uns mit einem Blick an, den ich nie mehr vergessen werde. Mit einem Blick, der Angst und Flehen ausdrückte, als ob er etwas Unrechtes getan hätte. Ich fühlte mich auf eine Weise betroffen und beschämt, wie ich es zuvor und seither niemals mehr auf diese Art erlebt hatte.

Wir standen vor einem Menschen, der sich von den Abfällen der Reichen ernähren musste, die für viel Geld mit einem Flugzeug in sein Land gereist kamen, das ihm gehörte, der in Lumpen gehüllt Mülltonnen durchsuchen musste um sich zu ernähren.

Und ich stand da und wusste nicht, was ich auf die fragenden Augen meiner Tochter sagen sollte.

Dann tat ich, was wahrscheinlich jeder Mensch in dieser Situation tun würde. Ich holte ein Hemd und etwas Geld für ihn, und gab es ihm und er verbeugte sich, und hielt meine Hände eine Weile in den seinen, und beschämte mich damit noch mehr.

An den folgenden Abenden legten wir auf Jasmins Wunsch immer etwas Essen auf die Tonne, und ein paar Rand dazu. Aber der Schwarze kam nie wieder zurück, solange wir noch da waren. Er war zu stolz und schämte sich, obwohl wir uns hätten schämen müssen.

 

An unserem letzten Tag am Kap unternahmen wir einen Ausflug ans Kap der guten Hoffnung, das etwa fünfzig Kilometer südlich der Stadt liegt. Es bildet die südliche Spitze der Kap-Halbinsel, die ihrer endemischen Vegetation wegen zum Naturreservat erklärt wurde. Zum „Cape of Good Hope Nature Reserve“.

Schon während der Anfahrt durch die einmalige Vegetation aus Sukkulenten und blühenden Büschen schälte sich die steil aufragende Felsklippe des Kaps aus der tiefblauen See, die weit entfernt am Horizont in einen ebenso tiefblauen Himmel überging.

“Cabo de boa esperanca”. Diesen Namen gaben ihnen die Portugiesen, als sie als erste das Kap umrundeten.

Kap der guten Hoffnung.

Als ich hoch oben auf den Felsen des Kaps stand und den mächtigen, gegen die Felsen donnernden, zu feiner Gischt zerstiebenden Wogen zuschaute, konnte ich mich gewisser Gedanken nicht erwehren. Ich dachte an den Mann an der Mülltonne, und an Eddie, und an die schönen Erlebnisse, die wir bisher gehabt hatten, und fragte mich, was die Zukunft dem Land am Kap der guten Hoffnung noch bringen mochte.

Nomen est omen?

„Tot siens!“ Auf Wiedersehen Südafrika!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Peter Hufschmid                 Autor & Fotograf                 Höhenackerweg 2                2814 Roggenburg/Schweiz