„Du Allemannie, Oeschterriich, Schwiiz!“

 

 

Stahlblauer Himmel über Marrakesch. Sonnenschein am Fusse des hohen Atlas, in der „Perle des Südens“, die von den alten Chronisten Mraksch genannt wurde, was in unsere Spra­che übersetzt, nichts anderes als Stadt heisst.

Tagsüber ist Marrakesch ein Hexen­kessel und abends erst recht, und ganz besonders in den Souks oder auf dem Platz der Plätze, der Jemaa el Fna, wo sich am späten Nachmittag, wenn die grosse Hitze abflaut, Gaukler, Schlangenbe­schwörer, Akrobaten, Märchenerzäh­ler, Händler, Wasser-verkäufer und Zahnärzte versammeln, um ihr Publikum zu un­terhalten.

Dann ist Galavorstellung, auf dem grossen Platz, in der Medina von Marrakesch, umrahmt von Läden, Cafés und Restaurants, von deren Balkonen die Bewohner in alten Zeiten gute Sicht hatten, wenn die Sultane in rustikaler Rechtsprechung die Köpfe von Verbrechern und anderen unliebsamen Zeitgenossen abschlagen liessen, die dann auf langen Stangen aufspiesst und zur Abschreckung wochenlang zur Schau gestellt wurden, bis sie von den Geiern kahlgefressen waren, weshalb der zuweilen etwas grobschlächtige Volkshumor sie Sultansorangen nannte, und den Platz Jemaa el Fna, Versammlung der Toten.

Abgesehen von solchen Demonstrationen orientalischen Feingefühls - wir wollen der Gerechtigkeit halber nicht verschweigen, dass die Fürsten des europäischen Mittelalters ähnliche Gewohnheiten hatten – gehörte der Versammlungsplatz der Toten schon immer den Gauklern und Wahrsagern.

Heute finden sich in der Mehrzahl europäische Touristen dort ein, die, wenn sie nicht gerade als Wohlstandsaura verbreitende Armada geschlossen durch die Armut wandeln, auf der Dachterasse des Café de France sitzen, um mit einem leichten Kribbeln auf der Haut aus sicherer Entfernung auf das orientalische Durcheinander zu blicken und dazu den traditionellen Pfefferminztee zu schlürfen, der nun auch nicht mehr ganz so billig und auch nicht mehr ganz so gut ist, wie vor Jahren noch, als sie mit Meiers am gleichen Platz sassen.

Einst waren es hauptsächlich die Stämme der Wüste, die zum handeln nach Marrakesch kamen und verzückt den Geschichten der Märchenerzähler lauschten, oder den Trommeln, zu deren Rhythmen die Akrobaten ihre Tänze und Kunststücke vorführten. Das ist auch heute noch so, aber nun sind sie hoffnungslos in der Unterzahl, im Vergleich zu den Tou­ristenstämmen, die in grossen, klimatisierten Reisebussen vorfah­ren, sich über den Platz und in die angrenzenden Souks ergiessen, oder mit einer der offenen, grünen Pferdekutschen angetrabt kommen, durch blühende Strassen, Palmalleen, Parklandschaften mit Hibiskus und Bougainvilliae, und durch den chaotischen Verkehr der Medina.

 

„Monsieur!“ „Seulement cent Dirham!“

Seulement heisst nur, und cent Dirham sind etwa zehn Euro.

Mit der Aktivierung touristischer Aufmerksamkeit hatte der Kutscher sein Ziel beinahe schon erreicht, sass ich halbwegs schon in seiner Kutsche. Dann ein Lachen, ein Senken des Preises auf fünfund-siebzig, und am Ende auf fünfzig Dirham, was natürlich immer noch zuviel war. Aber hat man nicht Urlaub und als Gast des Landes sozusagen die Pflicht, diesen bedürftigen Menschen unter die Arme zu greifen.

Den Weg zur Medina, den er schon tausend Mal getrabt war, fand der magere Klepper praktisch von alleine. Hundert kleinen Wimpeln gleich flatterte seine schwarze, zottige Mähne über dem dürren Hals, wäh­rend sich die Rippen wie ein Gitter unter dem Fell hin und her bewegten und die Hufe ihren einschläfernden Takt auf den glühenden Asphalt hämmerten. Ganz ohne Zutun des Kutschers hielt er vor Kreuzungen an und trabte erst wieder los, als die Fahrbahn frei war. Das dumme Pferd verhielt sich intelligenter als sämtli­che Autofahrer von Marrakesch.

An der Kutubia Moschee, im Schatten des neunhundert Jahre alten Wahrzeichens von Marrakesch, dessen Minarett sechzig Meter über den chaotischen Verkehr in den Himmel ragt, blieb es mit zufriedenem Wiehern stehen und ich stieg hinaus auf die Strasse, vor dem Park mit der Moschee, die, da den Ungläubigen der Zutritt strengstens verboten ist, der einzige Touristenfreie Ort Marrakeschs gewesen sein mochte.

Zu ihren Füssen setzte ich mich erst mal eine Weile in das kleine Gartencafé an der Ecke und bewunderte das Verkehrsgewühl, das zweihundert Meter weiter, vor der Jemaa el Fna, im Wirbel rudernder Verkehrspolizistenarme immer wieder zum erliegen kam.

Touristenbusse blockierten die Strasse, spien ihren Inhalt aus, zur Freude tausender Händler, Zauberer und Schlangenbeschwörer, die in den erlebnishungrigen Touristen verständlicherweise so etwas wie Kühe sehen, deren Milch niemals versiegt.

Schon stürzte sich einer der tausend Guides von eigenen Gnaden auf mich.

„Du Allemannie, Oeschterriich, Schwiiz!“

Ich lachte und hatte das Spiel schon verloren.

„Schwiiz“ bestätigte ich mit halb stolzem, halb gequältem Lächeln, und drückte ihm, in trügerischer Hoffnung mir damit meine Ruhe erkaufen zu können, zehn Dirham in die Hand. Dann stand ich auf und eilte mit schleunigen Schritten von dannen.

Das heisst, ich versuchte es.

Vergeblich, der Guide machte all meine Bemühungen spielend zunichte. Immerhin war er in diesem Gewühl gross geworden.

„Chällerfänschterli, Chuchichäschtli!“ tönte es fröhlich aus seinem Mund, während er aus treuherzigen, schwarzen Araberaugen strahlend, mühelos Schritt hielt.

All den auf einen selbstständigen Besuch der Souks abzielenden Argumenten, die ich mir in Sekundenschnelle einfallen liess, hatte er Dutzende von stichhaltigen, sich durch seine ortskundige Führung zwangsweise ergebende Vorteile entgegen zu setzen, bis meine Gegenwehr erlahmte, und sich mein Vorhaben, alleine und in Ruhe durch die Souks von Marrakesch zu schlendern, in der würzigen Luft der Jemaa el Fna in Nichts auflöste.

„Zwanzig Dirham, Strasse der Fär­ber, kenne billigste und schönste Teppich von Marrakech!“ schmetterte er siegessicher in mein strapaziertes Ohr.

Aber noch war ein Rest von Stolz in mir und ich konterte mit wissendem Lächeln:

„Wieviel Provision bekommst Du dort?“

Aber auf solch naive Anspielungen war der Guide durch Jahrelange Erfahrung längst vorbereitet und nahm mir mit einer ebenso genialen wie entwaffnenden Antwort den letzten Wind aus den Segeln.

„Ich Student, Ich keine Provision!“

Daraufhin konnte ich gerade noch entgegnen, dass Marrakesch damit eine Stadt der Studenten und nicht der Händler und Gaukler sein müsse, dann befand ich mich in seinem Schlepptau auch schon inmitten der Souks von Marrakesch, die direkt an die Jemaa el Fna grenzen, und war überwältigt.

Noch nie hatte ich einen grös­seren und farbigeren Markt gesehen. Überschäumendes orientalisches Leben betörte meine Sinne in den bunten verwin­kelten Gassen und Plätzen, zwi­schen niedrigen Häusern mit Läden und Werkstätten, in denen alles hergestellt und verkauft wird, was es in Nordafrika zu kaufen gibt.

 

Als erstes lotste mich der Guide zu einem Mann im roten Gewand, der Wasser verkaufte, aus Ziegenfell und Messingbecher. Ketten aus messin­genen Ringen, mit Bechern und Gefässen behängt, wanden sich um seinen mageren Körper. Auf seinem sonnenverbranntem Kopf thronte ein spit­zer, bunter Hut mit allerlei Kordeln und Verzierungen.

Ein einmaliges Motiv für meine Kamera!

Zehn Dirham pro Foto, fünf mehr als eine Cola im Café du France.

Nachdem der Wasserverkäufer die Prozedur des Fotografierens mit entsprechender Würde über sich ergehen lassen hatte, wendete er sich seinem nächsten Geschäft zu und der Guide zog sein Opfer ungeduldig weiter durch das bunte Menschengewimmel.

Nächste Attraktion war ein Schlangenbeschwörer, der im Kreise erwartungsvoll fiebernder Zuschauer gelassen unter einem in die Jahre gekommenen Sonnenschirm sass, der, wie ich sogleich vermutete, zwei Dinge verhindern sollte. Erstens, dass sich der Magier, unter dessen abgetragener Djellabah die Spitzen prächtiger arabischer Sandalen hervorschauten, einen Sonnenstich holte, und zweitens, dass sich die giftigen Ottern zu sehr erwärmten und dadurch lebendiger wurden, als dem Manne lieb war.

Als ob der Schlangenbeschwörer solch ketzerische Gedanken hätte lesen können, funkelten mich seine schwarzen Araberaugen kurz aus seinem scharf geschnitte­nem Gesicht an. Dann wendete sich sein Blick verächtlich von mir ab und auf die immer zahlreicher herbeiströmenden Menschen, die redeten und plau­derten, bis der Schlangenbeschwörer sie mit einer gebieteri­schen Handbewegung der einen Hand zum Verstummen brachte, während er mit der anderen schnell und geschickt in einen vor ihm auf dem geknüpften Teppich ruhenden Korb griff, eine zweifellos sehr giftige Schlange hervorzauberte und über deren schuppigen Körper strich, wie über den Kopf eines gelieb­ten Kindes.

Fasziniert starrte das staunende Publikum auf das tödliche Reptil, das sich im sicheren Griff seines Bändigers wand.

Plötzlich, niemand möchte es für möglich halten, und schon gar nicht die unter mehr oder minder ausgeprägten Schlangenphobien leidenden Zuschauer, bot er dem züngelnden Reptil zum Schrecken aller seine arabische Nase zum Biss, während ein triumphierendes Lächeln über seinen zahnlosen Mund huschte.

Bei dieser todesmutigen Nummer erreichte das Staunen der Zuschauer unter vielen Aahs und Oohs seinen Höhepunkt, was der Schlangenbeschwö­rer mit einer nonchalanten Verbeu­gung zur Kenntnis nahm und seine Schlange behänd wieder in ihren Korb zurückglei­ten liess. Danach schenkte er seine Aufmerksamkeit einem anderen Korb, in welchem alsbald die Geldstücke des Publikums klimpern sollten.

Besonders zielbewusst wendete er sich zum Verhängnis meines Geldbeutels Personen mit Fotoapparaten zu, die für jeden Gaukler der Jemaa el Fna eine sichere Einnahmequelle sind. Lächelnd nahm er die Kamera aus ihren wehrlosen Händen und gab sie dem Guide, von dem, wie wir nun wissen sollten, jeder Tourist gezwungenermassen begleitet wurde, und legte dem sich kurz Sträubenden eines der Otterngezüchte um den Hals.

Auch dieses Erinnerungsbild kostete zehn Dirham, was das durch die Umstände eingeschüchterte Opfer zwar anfänglich etwas teuer fand, aber nur bis ihm einfiel, wie eindrucksvoll dieses Foto im Kreise der weihnächtlich versammelten Verwandtschaft und Bekanntschaft wirken würde. Brauchte ja keiner zu wissen, dass das „tödliche“ Reptil kaum gefährlicher als ein Regenwurm war, zumindest nicht jenes, das auf dem Foto so dekorativ um seinen Hals drapiert war.

Im Falle der Hauptdarstellerin sollte man allerdings dem Spott vorsichtiger frönen. Immerhin munkelt man unter Kennern hinter vorgehaltener Hand von einer Schlangenbeschwörerschule, ja einer geheimen Loge, weit unten im Süden, jenseits des hohen Atlas, wo es von Schlangen nur so wimmelt.

Dort sollen Schlangenbeschwörer auf traditionelle, geheimnisvolle Weise in den Orden der „Ajsawyia“ aufgenommen und mit der Baraka gesegnet werden, die sie gegen das Gift der Schlangen immun macht.

Geheimnis des Orients oder Märchen aus Tausendundeiner Nacht?

Romantischer jedenfalls als die prosaische These der Wissenschaft, Schlangenbeschwörer würden ihre Immunität durch periodische Tätowierungen über Jahrzehnte erwerben, was unter uns gesagt, auch schon abenteuerlich genug klingt.

Wie auch immer, sei es nun Zauber oder Jahrhunderte alte Kunst und Wissenschaft, das Phänomen der Schlangenbeschwörer zog die Menschen des Orients und Okzidents unweigerlich in seinen Bann. Schade nur, dass die Schlangenbeschwörernummer die Diaabende dann doch nicht im erhofften Masse bereichern konnte, weil der Guide mit dem Fotoapparat nicht zurecht kam und das Bild hoffnungslos verwackelte, sodass nicht einmal die nächsten Verwandten mich wiederzuerkennen vermochten.

Ungeduldig unterbrach der Guide meine abschweifenden Gedanken und drängte mich weiter durch die Menschenmenge.

„Vien, vien, Fakir!“

Mit bedeutsamem Blick, in dem die tiefsten Geheimnisse des Orients ihrer Offenbarung harrten, zeigte er zwischen einem riesigen Turban und einem roten Fez hindurch auf einen Araber von hünenhafter Gestalt, der in einem grauen Burnus inmitten eines Kreises neugieriger, ihn befremdet anstarrender Zuschauer stand.

„Clou!“ wisperte mein Guide inbrünstig, und deutete dabei verzückt auf des Hünen Nase.

Und tatsächlich, bei genauerem Hinsehen waren zwei lange, dicke, weit in die Nasenlöcher hinaufragende Nägel zu erkennen, an denen jeder Zimmermann seine Freude gehabt hätte.

Weit ins Gehirn hinauf schienen sie zu reichen, falls sie wirklich so lang waren, wie ihr Anschein weiszumachen versuchte.

Jedenfalls liess der Fakir keinen Zweifel daran aufkommen und strahlte die Umstehenden triumphierend an, bis er schliesslich, als ob dies ein schlüssiger Beweis wäre, die zwei zwanzig Zentimeter langen Nägel wieder aus seinen Nüstern zog.

Ein wunderbares Foto für zehn lumpige Dirham, den Jemaa-el-Fna-Einheitspreis, der in jedem oekonomisch gebildeten Touristen unwillkürlich den Verdacht an ein Gaukler- und Fakirenkartell aufkommen lässt. Eine Überlegung, die infolge Ablenkung jedoch nicht weiter untersucht werden konnte, da der Guide bereits wieder eine neue Attraktion ins Auge fasste.

Vor uns in der Menge, hoch über deren Köpfen, turnte ein schmächtiger, kleiner Junge mit roten Pluderhosen auf den Schultern einiger starker Männer, die wiederum auf den Schultern anderer starker Männer standen. Eine sensationelle Akrobaten-Nummer inmitten eines begeistert applaudierenden Menschenringes.

„Acrobate!“ rief mein Guide verzückt und drängte sich und mich durch die dichte Menschenmenge, und ich schaute auch hier eine Weile zu, wie Pyramiden gebaut wurden und wieder zusammen stürzten, bis der Junge mit ein paar Bewegungen in affenartiger Behändigkeit aus schwindelnder Höhe herunter turnte, um die Runde des menschlichen Ringes mit seiner Mütze um Bares zu erleichtern.

Zehn Dirham!

 

Nun zog es mich langsam aber sicher in die angrenzenden Souks, wo zwi­schen die Häuser gespannte, ge­flochtene Matten einen kühlen, gesprenkelten Schatten spendeten, zur Freude der Menschen die in ihnen handelten und wandelten. Darunter breitete sich eine Orgie der Düfte und Geräusche aus. Betö­rende Düfte orientalischer Parfüme und Gewürze, und aus den Gassen der Fleischer die weniger betören­den Gerüche von faulendem Fleisch.

Endlos reihten sich die kleinen Läden aneinander, Auslagen von Ge­schmeide aus Gold und Silber und Zinn. Kleinodien aus Steinen, und glänzende Teekännchen, und hüb­sche Lederwaren, die bei den Touristen seltsamerweise im Ruf der Preiswer­tigkeit stehen.

In einer engen, verwinkelten Gasse stiessen wir auf die Werkstätten der Tischler. Halbfertige Arbeiten standen den Hauswänden entlang. Kunstvoll verzierte Türen, Fensterläden, Schränke und Truhen, filigrane Beweisstücke orientalischer Handwerkskunst.

Ein Junge von zwölf oder dreizehn Jahren drechselte mit seinen Füssen und einem Geigenbogen-ähnlichen Werkzeug auf dem von Holzresten und Spänen übersäten Boden einen zierlichen Bettpfosten. Darum herum wurde gesägt und geschliffen. Feine Holzpartikel mischten sich mit der schwülwarmen, von allerlei Gerüchen gesättigten Luft und machten die Souks von Marrakesch zu einem staubigen Dampfbad.

Einer der Geschäftsinhaber schöpfte mit hohler Hand Wasser aus einem Eimer und spritzte es geschickt auf die glühend heissen Pflastersteine, wo es in wenigen Minuten wieder verdampfte.

Staunend wandelte ich unter gelben, orangen und blauen Wollsträngen durch enge, verwinkelte Gassen und verharrte für einige Zeit unter dem leuchtenden Baldachin der Färber, bis unvermittelt eine freundlich lockende Stimme aus einem der verrauchten Hinterhöfe ertönte:

„Entrez Monsieur! Regardez les traveaux ici!“

Und ich folgte ihm und blickte hinter die kühlen, dicken Mauern der Häuser, wo Männer und Frauen in riesigen, schwarzen Kesseln rührten, bis zum Hals mit jener Farbe verschmiert, die sie gerade verarbeiteten.

Auf dem staubigen Platz daneben wurde Wolle gehandelt, und früher einmal Sklaven. Aber das war vor längst vergangener Zeit, die vielleicht nirgends sonst so lebendig geblieben ist, wie in den alten, faszinierenden Souks von Marrakesch.

 

Irgendwann später verlor ich in einer der vielen schmalen Gassen, die sich eine wie die andere ähnlich waren, meinen Guide und damit die Orientierung. Aber sich in den Souks von Marrakesch zu verlau­fen ist kein Unglück sondern ein Vergnügen. Sich in einen orientali­schen Handel einzulassen, obwohl man sich geschworen hatte, es nicht zu tun. In ein Hin und Her von Preisen um ein kupfernes Teeservice oder einen Berberteppich. Liebenswürdig offe­rierten Tee zu trinken, obwohl man weiss, dass diese süsse Vertraulich­keit integrierender Bestandteil orien­talischer Verkaufsstrategie ist, der zum kaufen verleiten soll, zu einem Preis ir­gendwo dazwischen.

Das ist die Jemaa  el Fna und die Souks von Marrakech.

Das ist der Orient.

Als ich dann abends müde wieder ausgespieen wurde, aus den farbigen Gassen, auf die Jemaa el Fna, stiegen dort bläuliche Rauchschwaden von den Garküchen auf, und der Geruch orientalischer Speisen breitete sich über den Platz, im sanf­ten Licht von Parafinlampen, wie seit tausend und einer Nacht.

Erst viel später, als der Platz sich leerte, und die Schlangenbeschwörer und Akrobaten, die Märchenerzähler und Wasserverkäufer hinausgingen, in die laue Nacht, sich in den Gassen der Medina verloren, fand die Jemaa el Fna endlich ihre Ruhe.

Bis die Sonne wieder aufging, über der Perle des Südens.